Einige Spieler gelten als „zu satt“, auf bestimmten Positionen fehle es an Qualität, während einzelne Verträge als zu üppig bewertet werden. Mehr Offensivdrang, eine klare Talentstrategie und schlankere Entscheidungswege sollen dem BVB somit helfen, die sportliche Identität zurückzugewinnen.
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... unabhängig davon, woher die Analyse stammt, ganz von der Hand zu weisen ist sie nicht.
Ich sehe ebenfalls Spieler, die satt wirken. Unter Leistungsaspekten fällt es schwer zu begründen, warum man die Verträge von Brandt, Can oder nächstes Jahr Sabitzer verlängern sollte.
Die größte Qualitätslücke liegt, auch wenn es viele nicht mehr hören wollen, klar auf der Sechs und der Zehn. Uns fehlt ein Spieler, der den Spielaufbau lenkt, und ein kreativer Kopf im offensiven Zentrum. Wir brauchen Typen, die Verantwortung übernehmen und das Spiel tragen.
Auch auf den Außenbahnen brauchen wir dringend Verstärkungen, defensiv wie offensiv. Ein System mit zwei echten offensiven Flügelspielern können wir aktuell nicht spielen. Was passiert, wenn man Adeyemi oder Beier dort einsetzt, hat man oft genug gesehen.
Ob die Qualität von Beier, Adeyemi, Silva, Chukwuemeka, Bellingham und der gesamten Mannschaft international reicht, kann letztlich nur der Trainer beurteilen. Die Ergebnisse sprechen im Moment eher dagegen. Unser Hauptproblem ist die fehlende Konstanz. Wenn man konstant gut oder konstant schlecht ist, kann man gezielt an Inhalten arbeiten. Bei uns funktioniert etwas heute, morgen aber nicht mehr – das macht es extrem schwer.
Die hohen Gehälter sind ein weiteres Thema. Süle dürfte über seinen Vertrag nur lachen, eine klare Fehleinschätzung. Ähnlich wie damals bei Moukoko oder Modeste. Und aktuell frage ich mich, welchen sportlichen Gegenwert Chukwuemeka für sechs Millionen liefert. Dass die Engländer die Preise treiben, ist das eine – dass wir da mitziehen, das andere. Die Gehaltsentwicklung ist absurd. Für sechs Millionen muss ein Spieler vorangehen, andere mitziehen und in den meisten Spielen zeigen, warum er so viel verdient. Wenn Teams wie St. Pauli oder Hamburg uns auf ihr Niveau herunterziehen können, ist der eine oder andere Spieler schlicht überbezahlt.
Wie sollen wir Offensivdruck erzeugen, wenn uns die Mittel fehlen? Egal wer Stürmer ist, er ist der Leidtragende, weil er kaum Bälle und keine Unterstützung bekommt. Uns fehlt neben einem Spielgestalter auch Kreativität im letzten Drittel. In Umschaltsituationen fehlt uns komplett die Handlungsschnelligkeit. Sobald wir den Ball haben, nehmen wir Tempo raus. Räume werden nicht schnell genug besetzt, um das Spiel breit zu machen. Wenn das schon nur halb funktioniert und dann auch noch grundlegende Dinge nicht stimmen, wird es richtig schwer.
Ich sehe großen Förderbedarf im Spiel ohne Ball, nachrücken, sich anbieten, sich vom Gegenspieler lösen, ins Pressing gehen. Aber auch im Spiel mit Ball fehlt es oft an Passschärfe und Genauigkeit. Es macht mich wahnsinnig, wenn Pässe in den Rücken gespielt werden, ins Niemandsland gehen oder direkt beim Gegner landen.
Wir haben zwar eine Talentstrategie, aber die endet leider bei der U23. Der Abstieg aus der 3. Liga tut immer noch weh. Wer nicht selbst ausbildet, darf sich über Fachkräftemangel nicht wundern. Couto ist ein gutes Beispiel, hätten wir einem eigenen Talent ähnliche Einsatzzeiten gegeben, wäre es heute nicht schlechter. Ein Ansgar Knauff würde unsere Seite vermutlich besser besetzen als Couto und defensiv stark ist Couto ja auch nicht.
Sportliche Identität bedeutet für mich welche Werte hat der Spieler. Passt ein Spieler zur Mannschaft? Verkörpert er die Eigenschaften, die wir sehen wollen? Ist er hungrig und will mehr? Bei Sabitzer hatte ich bei seiner Vertragsunterschrift nicht das Gefühl, dass er wirklich etwas in Dortmund bewegen will, oder er gerade besonders glücklich ist. Süle ist ein weiteres Beispiel. Er sollte Führungsspieler werden, Hummels beerben, im Zentrum der Mannschaft stehen. Nach der Unterschrift wurde klar, dass er sich in dieser Rolle gar nicht sieht und es angenehmer findet, keine Verantwortung tragen zu müssen.
Ich sehe die Verantwortung für diese Entwicklungen sowohl bei Kehl als auch – leider – bei Ricken. Gerade die kurzen Entscheidungswege und die unklare Rollenverteilung fallen in ihren Bereich. Wenn Ricken als Geschäftsführer wirklich die nötige Autorität hätte, wäre die ganze Geschichte rund um Mislintat gar nicht erst entstanden.
Entweder hätte er Watzke deutlich gemacht, dass er Mislintat in dieser Struktur nicht braucht, oder – falls Mislintat tatsächlich gewollt war – er hätte beiden klar und unmissverständlich aufgezeigt, wie die Zusammenarbeit auszusehen hat: Wer entscheidet was, wer trägt welche Verantwortung, und wo liegen die Grenzen der jeweiligen Zuständigkeiten.
Genau diese Führungsstärke hat gefehlt. Statt klare Strukturen zu schaffen, entstand ein Kompetenzgerangel, das dem Verein eher geschadet als genutzt hat. Ein starker Geschäftsführer hätte diese Situation frühzeitig geordnet, Erwartungen definiert und dafür gesorgt, dass persönliche Eitelkeiten nicht über dem Wohl des Vereins stehen.
Diese Fehler liegen in der Vergangenheit, und auch Kehl und Ricken brauchen eine gewisse Eingewöhnungszeit. Schwamm drüber. Aber künftig muss es deutlich besser werden.